Eigentlich wollte ich früh ins Bett gehen. Stattdessen ist es 02:00 Uhr in der Nacht und es wird noch eine Weile dauern, bis ich ins Bettchen fallen kann.
Es war eine sehr anstrengende Woche gewesen für alle Kollegen. Die schlechte Situation der Firma, die Ungewissheit, die langen Gesichter der Kollegen, u.s.w. Es war endlich Freitag…
Wir gingen nach der Arbeit in ein japanisches Restaurant in der Innenstadt. Wir waren so um die 10 Leute und hatten ein großes Zimmer nur für uns, so wie einen Fernseher und einen Koch. Wir bekamen die Speisekarte. Sollen wir eine große Platte Sushi bestellen, jetzt wo wir uns das noch leisten können? Fragte die Kollegin. Ja, bestelle die größte! Und Sake oder Pflaumenwein? Beides und Bier! Alles was besoffen macht!
Das Essen wurde vor uns zubereitet. Es gab leckeres Fleisch und immer wieder einen Trinkspruch. Worauf sollen wir trinken? Auf das Februargehalt! Ja, das ist eine gute Idee. Auf das Februargehalt! Wir waren fast alle Ausländer. Nur zwei Chinesinnen waren dabei. Es wurde viel, laut und auf englisch und deutsch gesprochen und gewitzelt. Aber mit dem Koch und mit der Bedienung wurde Chinesisch gesprochen, oder zumindest versucht… Es war mit Sicherheit kein leichter Arbeitstag für die Restaurantangestellten.
Der Pflaumenwein ist alle! Ich bestelle noch ein Paar Fläschchen. Ist gut! Und Asachi Bier bitte. Wie heißt noch mal das Asachi Bier auf Chinesisch? Fuwuyan! (Herr Ober!)
Das Restaurant befindet sich im vierten Stockwerk eines Gebäudes in der Innenstadt. Direkt über einer neuen und berühmten, berüchtigten Disko. Da gab es nämlich vor einigen Monaten eine Schlägerei mit Messer… was eigentlich sehr selten ist hierzulande. Ich war schon mal da gewesen. Nicht mal 5 Minuten lang habe ich es dort ausgehalten, denn es war unerträglich laut, man könnte nur an eine Tisch sitzen, wenn man mindestens für umgerechnet 50 Euro bestellt hatte und die Atmosphäre war auch nicht berauschend. Aber an diesem Freitag hatte die Disko besondere Veranstaltung mit besonderen Gästen! Ich kann mich nicht mehr an den Namen der Veranstaltung erinnern, Latino Party vielleicht, oder Salsa Evening, keine Ahnung. Jedenfalls war auf ein Plakat vor dem Eingang ein Photo der beiden jungen und braun gebrannten Sängern.
Das Essen war schon längst ausgegessen. Es war schon so gegen zehn. Zeit das Restaurant zu schließen. Aber die Leute machten keine Anstalten weg gehen zu wollen. Die Bedienung wartete müde und etwas gelangweilt.
Die Frau des Kollegen schien sich auch zu langweilen und fragte mich, ob ich den Plakat gesehen hatte. Sie ist nämlich eine leidenschaftliche Tänzerin und mag Salsa besonders gerne. Let’s check it out. Sagte sie. Ich musste grinsen und nickte mit dem Kopf. Und unsere Rucksäcke fragte ich sie. Die anderen sollen nachher dann runter gehen, wenn sie wollen. Sie, meine Kollegin und ich gingen runter.
Als wir reingingen war es in der Disko gar nicht laut. Im Gegenteil. Es war nichts zu hören. Seltsam!. Die Sänger waren dabei sich und ihre Instrumente vorzubereiten. Dann ging der Sänger auf die kleine Bühne und die Party fing an. Wow! Ich war von der ersten Sekunde an begeistert. Schöne Stimme, schönes Lied und der Sänger strahlte so viel Energie… er wollte alle Gäste zum tanzen motivieren. Er hatte nicht viel Erfolg. Die Gäste wollten weiter auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Die Tanzfläche gehörte uns! Als hätte man an einem Knopf gedruckt, fingen wir an wild zu hüpfen. Als das erste Lied zu ende war bemerkte ich erst, dass die restlichen Kollegen alle am Eingang zu uns schauten. Wollt ihr hier bleiben? Wir sind müde und wollen nach hause! Nur noch ein weiteres Pärchen entschied sich zu bleiben. Ich bleibe noch ein bisschen, sagte ich. Hast Du Geld? Fragte mich Georg und druckte mir einige 100 Yuan Scheine in die Hand. Dass ich das Geld noch brauchen würde habe ich mir nicht gedacht…
Ich konnte meine Ohren nicht glauben! Die Band spielte ein super Lied von Mana, eigentlich Rock auf Spanisch. Ich drehte noch mehr durch und schupste die anderen auf die Bühne. Dort haben wir heftig mit den Kopf geschaukelt, aus Spaß… Dann wurde so eine Art Tanzkette gebildet. Immer mehr Leute kamen dazu und wir tanzten durch den Lokal. Kurz gesagt, wir hatten viel Spaß.
So gegen Mitternacht stellte sich heraus, dass die Band nicht mehr spielen würde. Einer der Sänger ging nämlich weg. Ich war ziemlich müde und fragte dann, ob wir gehen sollen. Ja, trinken wir das Bier aus, und dann gehen wir. Das Bier wurde ausgetrunken. Meine Kollegin hatte schon angefangen sich fertig zu machen. Jacke anziehen u.s.w. da fing dieses Lied von Shakira an. Oh, lass uns noch dieses eine Lied tanzen, dann gehen wir, ja? Fragte ich. Na gut… In einer Art Trance, in einer ‚kurz vor dem Weltuntergang Stimmung’, sprangen wir in Richtung Bühne, die eine wilder als die andere. Der Kellner brachte uns Bier. Wir brauchen nicht zu zahlen. Ups, wir sind gerade die Unterhaltung… Ich war ausgedurstet und ging zum Kellner um mir Bier in ein Glas einzugießen. Ich war am trinken, als ich es hörte. Ohhh! Mehrere Leute gleichzeitig erschraken. Ich drehte mich um und sah meine beide Freundinnen am Boden. Sie standen auf. Auf dem Boden waren große Bluttropfen zu sehen und dann sah ich die blutende Nase meiner Kollegin… Die Kollegin hatte versucht, die andere Freundin zu halten, weil sie ausgerüscht war. Leider stand sie nicht so stabil und beide fielen runter. Auf der Toilette der Disko wurden wir bestens versorgt. Mit Eiswürfeln, mit Schnaps und Tüchern… Die Kollegin war so tapfer. Sie sagte nur, das wird schon. Leider hörte die Nase nicht auf zu bluten. Im Gegenteil die Nase fing an auch innen zu bluten. Ich hatte keine Ahnung von gebrochenen Nasen. Ich hatte das nur im Fernseher bei Boxern gesehen. Zum Gluck war ein Junge da, der sich auskannte und uns empfahl zum Krankenhaus zu gehen. Angesichts der inneren Blutung hielt ich es für nötig und zu dritt nahmen wir ein Taxi in das Gaoxin Krankenhaus. Das Krankenhaus liegt im südlichen Teil der Stadt, wo wir auch wohnen. Dort waren wir fast die einzigen. Nur noch ein junger Man mit Blut im Gesicht, sonst keiner da. Am Eingang bezahlten wir eine Gebühr, damit der Arzt meine Kollegin untersucht wird. Wir liefen durch die Gänge bis wir das richtige Zimmer fanden. Der Arzt schaute sich die Nase an und machte ein tröstendes Gesicht, als wollte er uns sagen, das überlebt man! Man kann da nichts machen, bei einer gebrochenen Nase. Sie muss von alleine zusammen wachsen. Kann er ihr Schmerzmittel geben, damit sie schlafen kann? Und muss man nicht nähen?
Ich kann nähen, soll ich? Fragte der Arzt. Ich war etwas verdutzt. Die Kollegin sagte, sie will genäht werden. Nach der Diagnose wird man noch mal zur Kasse gebeten, um die nächste Behandlung zu zahlen. Etwas über 300 Yuan kostet das nähen. Nicht viel, aber ohne die Scheine, die Georg mir gegeben hat, hätte sich das ganze noch verzogen, bis wir Geld irgendwo abheben. Ich wartete mit der Kollegin, während unsere Chinesische Freundin wieder zum Krankenhauseingang lief um zu bezahlen. Erst als sie mit dem Beleg zurück kam begann der Arzt sich fertig zu machen. Das ist das übliche Vorgehen hier.
Insgesamt waren 4 Stiche notwendig. Wir mussten das Zimmer nicht verlassen. Der Arzt störte sich nicht daran, dass ich näher kam um die Prozedur anzuschauen. Eine Woche später ist die Nase der Kollegin wieder ganz die alte. Wie durch mehrere Wunder hatte sie einen doppelten Bruch aber die Nase änderte kaum die Form. Jedenfalls ich kann keine Änderung sehen. Das ganze Wochenende war ich von Ohren und Kopfschmerzen geplagt. Dazu kamen die Sorgen um meine Kollegin und noch das schlechte Gewissen, denn wären wir gegangen, statt zu Shakira’s Lied zu tanzen, wäre das alles nicht passiert, aber im nachhinein ist man immer schlauer. Das einzig gute dabei war, die Sorgen um die Firma haben sich relativiert.
High in the mountains
vor 16 Jahren

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